Abmeldung aus Koh Samui

Nun ist es mehr als 20 Monate her, dass ich in Leipzig meine Wohnung aufgegeben habe und mit nur einem Koffer in der Hand aufbrach, mir die Welt anzusehen. Damals hatte ich das Ende einer langen und wichtigen Liebe zu verdauen und durfte für den MDR einen kleine Fernsehserie auf meiner Tour drehen. Ursprünglich wollte ich sechs Monate reisen. Daraus wurden schnell neun und nun, mit kurzen aber zu langen Deutschlandunterbrechungen, brutto eben 20. Und nun? Die damalige Liebe ist mit einem anderen verheiratet und meine Serie war ein schöner Erfolg. Und ich reise immer noch. Ich habe in dieser Zeit Unglaubliches gesehen und Wunderbares erlebt. Und reise noch. Neue Menschen von vielen Kontinenten sind in mein Leben getreten, kleine und große Verliebtheiten haben mir die Reise versüßt. Und ich reise weiter. Als mich mein Bruder in Bangkok besuchte, wollte er unbedingt auch noch ein bisschen Strandleben fühlen. So flogen wir nach Koh Samui in Thailand und hatten eine wunderbare Zeit. Er ist schon lange wieder in Deutschland und ich bin immer noch hier und schaue von einsamen (Regenzeit-)Stränden aufs Meer. Denn ich komme, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht vom Trip runter. Der Rausch hält an, die Angst vorm Entzug in der Heimat ist groß. Ich schreibe an meinen Büchern über die Reise weiter und frage mich dennoch die ganze Zeit nur eine Sache: was nun? Auch auf Koh Samui sind wieder Menschen in mein Leben getreten, die ich vermissen würde. Und wenn ich etwas aus Deutschland höre, ist es meist Unrat. Gewiss, meine Familie und meine Freunde sagen mir, ich würde fehlen. Doch alles andere ist gelebter deutscher Trübsinn. Diese kleinen Eitelkeiten und kümmerlichen Machtkämpfe, deren Ausläufer mich am Strand erreichen, lassen mich würgen. Die unwürdigen Spielchen von Menschen mit einem Hauch zweifelhafter Macht in der so genannten Heimat schreien mir entgegen: „Wieso nur zurück?“ Zu viel Gelogenes, Verschobenes, Banales. Und ich sitze am Strand. Das kann ich aber nicht ewig tun. Meine Karriere, Fernsehauftritte, Lesereisen und das Umsetzen von Ideen fehlen mir auch sehr. Also was nun? Als ich die Weltreise anging, habe ich mich so ziemlich gegen alles impfen lassen, habe Verhaltensregeln für diverse Länder und Mentalitäten gelernt und versucht, alle Risiken abzuschätzen, die einem in Afrika, Asien, Osteuropa, Australien, Nord-  und Südamerika begegnen können. Doch ein Risiko habe ich hoffnungslos unterschätzt. Was tun 50 besuchte Länder mit einem selbst? Was macht die Zeit mit einem, wenn man mehr als anderthalb Jahre meist alleine ist? Woran denkt man, wenn man nur bei sich ist über einen solchen Zeitraum? Wovon träumt man in mehr als 100 Betten? Wie sehr entfernt man sich von der Heimat, wenn man fast 40 Tage nur in Flugzeugen, Autos, Bussen, Zügen und auf Schiffen zubringt? Und seit gut neun Monaten quält mich nur eine Frage: Zurück zum alten Leben oder ganz weg?

Auf Koh Samui ist es trotz Regenzeit meist sonnig und immer traumhaft. Der Strand, die Landschaft, das Essen, die Menschen, die Frau sind schön und laden zum Bleiben ein. Die einzige Antwort, die ich bislang gefunden habe ist, bleibe für eine Weile und denke weiter nach.

Koh Samui – Thailand, 27.9.2010 – abgemeldet

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