Caracas und das unbestimmte Gefühl

Caracas, die Welthauptstadt der Schuhläden und “Lacoste”-Shirts! Doch was nur hält man von einer Stadt, die nirgends so sicher und sauber ist wie in der Metro? In Caracas sein, heißt U-Bahn fahren. Die ist sehr preiswert, wirklich sauber und sicher. Und wer darauf steht, hat auch immer Kontakt zu halbnackten, verschwitzen Körpern und/oder der Schwerkraft erstaunlich trotzenden Dekolletés. Da heißt es, sich strategisch günstig zu stellen. Nun ja, Caracas lohnt wohl eine Reise dennoch nicht. Aber gut, ich will ja auf dieser Tour nicht nur die Aushängeschilder eines Landes sehen, sonst wäre ich hier an einem der bezaubernden Strände oder gleich auf der Isla Margarita. Ich bin nun drei Tage hier, habe alle Museen, Kirchen und reichlich Gedenkstätten für Simón Bolivar (alle schafft man in keinem südamerikanischen Land) durch. Was nun? Ins Nachtleben traue ich mich noch nicht. Denn anders als in Santa Cruz in Bolivien, in Rio an der Copacabana und selbst im kolumbianischen Bogota, beschleicht mich hier unentwegt ein düsteres Gefühl. Und so sieht die Stadt auch meist aus. Jaja, die berühmten schönen Ecken, die es angeblich überall gibt. Die gibt’s auch hier. Ich habe beide gefunden. (Ja, Uraltwitz!) Es ist eben auch mehr dieses eigenartige Gefühl in dieser Stadt und nicht das Wissen, dass hier an einem Tag wohl mehr Menschen umgebracht werden als in Berlin im ganzen Jahr. Das ging schon auf der Taxifahrt vom Flughafen los (das Gefühl!), wo die ganze Zeit Politparolen aus dem Autoradio quollen und vom Fahrer verschlungen wurden. Seit 20 Jahren habe ich nicht mehr so oft die Namen Marx, Engels, Luxemburg und Lenin gehört. Dazu reichlich Fidel, Ché und natürlich Hugo. Sowas wollte ich eigentlich nie wieder hören.

Meist helfen dann die Kleinigkeiten. Nun ja.  Eine kuriose Sache sind die überall auf den Straßen verkauften Waschlappen. Die dienen als Schweißtücher und werden von manchen ganz offensichtlich über das Verfallsdatum hinaus exzessiv genutzt.  Oder das ich bei einer Burgerkette im Dunkeln saß, weil Stromsparen verordnet wurde. O.K., dass mein Hotel-Wireless-Internet nicht am Schreibtisch funktioniert sondern nur im Bett, entspricht meiner Arbeitsauffassung.  Und dann das ewige Leiden mit dem Geld hier. Tauscht man Euro oder Dollar zum offiziellen Kurs (oder hebt es so ab), ist alles teuer, da der Kurs von einem unerschütterlichen Staatsoptimismus zeugt. Tauscht man es bei den vielen Willigen schwarz, geht’s wieder. So kostet ein überteuertes Hotelzimmer plötzlich statt 90 Euro 50 bis 55 Euro und so weiter.

Ich hatte mich am ersten Tag schon gefragt, ob ich nach 3 Tagen nicht doch an die schönen Strände flüchten sollte. Doch erstens darf mal ein kleiner (und nicht schlimmer) Flop auf einer solchen Tour dabei sein. Und außerdem habe ich viel mehr Zeit zum schreiben als in Rio oder Bogota. Ist doch gut! Und zur Not bleiben ja immer noch die semierotischen Abenteuer in der schwitzigen U-Bahn.

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