Krisenseminar Thailand

Er steht bis zum Bauchnabel im Wasser. Nicht am Strand von Koh Samui, nein, in seinem Wohnzimmer. Und er lächelt und lacht als stünde er eben doch am Traumstrand zwischen Lamai beach und Chaweng beach dieser Insel. Aber er steht an seinem Esstisch in Bangkok. Die obere Etage seines Hauses ist sein Archipel. Bevor er die Stufen nach oben nimmt, duscht er sich mit einem Schlauch kräftig ab, um das dreckige Wasser loszuwerden. Dem Wohnzimmer sind ein paar Liter mehr ebenso egal wie ihm.

Da ist sie wieder, die burschikose Thailänderin, die wie jeden Abend mit dem Mikrophon in der Hand und Wasser wahlweise bis zu den Knöcheln, den Knien oder dem Hals vom Hochwasser berichtet, das einfach nicht abfließen will. Sie interviewt Menschen, die mal eben mit ihren Booten auf der Hauptstraße anhalten, um nett zu sagen, wie es ihnen geht. Sie spricht mit Frauen, die bis zur letzten Sekunde an Straßenstränden kleines Essen verkauft haben, bis alles wegschwamm. Dann war es doch Zeit zu gehen. Jeden Abend 22:30 Uhr in den Nachrichten von tv3; die Wasserstände und Tauchtiefen. Autos mit hochgebundenen Schläuchen am Auspuff, die sich durch die Fluten kämpfen. Kleinkinder, die auf selbstgebauten Flößen durch die Straßen der Millionenmetropole geschippert werden. Ganze Thaifamilien in kompletten Klamotten, die entweder Einkäufe nach Hause oder ihr restliches Hab und Gut in Sicherheit bringen. Fast alle lachen und winken. Der geflutete Wohnzimmermann hat es uns gerade erklärt: „Warum soll ich traurig sein? Ich lebe doch noch.“ Wer nicht gerade Tote in der Familie oder einen Totalverlust erlitten hat, winkt und lacht eben. Ich kann mir deutsche Gesichter bei einem Bruchteil einer solchen Flutkatastrophe kaum vorstellen. Auch meines nicht. Winken und Lachen sind das sicherlich nicht drin. „Jai yen yen“, sagen sie. „Bleib cool!“, „Komm runter!“ oder halbwegs wörtlich übersetzt: „Kühle dein Herz ab!“ Der Fernseher lässt mich allabendlich wissen, wie weit die Fluten noch entfernt sind. Weit genug. Mein Krisenseminar. Ich sitze mit importierten Problemen da, die mich in Deutschland fluteten. Mein persönlicher Tsunami. Winkfrei, lächelarm. Doch die Thais bringen mir etwas bei. „Mach dir nicht zu viele Sorgen, lass es geschehen, es wird schon werden. Auch wenn dir das Wasser bis zum Hals steht.“ Ja, da kennen sie sich aus. Und immer wenn meine Sorgen überhand nehmen, höre ich die Frau an meiner Seite sagen: „Jai yen yen!“ – Danke Thailand! Danke B.!

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