Märchenreise Katar

Als Kind kannte ich den Orient aus Märchenfilmen wie „Sindbad“ oder „Der kleine Muck“. Trotz dessen dass man mich seitdem bezüglich der arabischen Welt oft genug mit unschönen Nachrichtenbildern gefüttert hatte, behielt ich mir die romantische Vorstellung dieses Teils der Welt. Ich bin immer neugierig geblieben und hoffte auf anderen Reisen auch das Schöne zu finden. Und es gelang. Hier in Katar ist das Finden des Schönen und Märchenhaften momentan leichter als im Iran und im Irak. Und wenn man sich darauf einlässt – was eigentlich immer eine Voraussetzung für eine schöne, erlebnisreiche Reise ist – kann man Katar sehr genießen.

Schon an meinem ersten Abend in Doha stolperte ich mehr oder weniger unvermittelt in eines  meiner überwältigen Erlebnisse in dieser Stadt. Viel hatte ich vom modernen und schnell wachsenden Katar und der Hauptstadt Doha gehört. Die Bilder von den Wolkenkratzern sah ich überall. Doch mein Hotel lag an anderer Stelle. Sehr nah am „Fanar“, dem islamischen Kulturzentrum. Oder besser: Nahe an „Sindbad“ und dem „kleinen Muck“. Ich habe es mir auf meinen Weltreisen zur Tradition gemacht am ersten Abend in einer neuen Stadt ohne Plan einfach loszulaufen und die neue Stadt, das neue Land, die neue Kultur auf mich wirken zu lassen. In Katar ist das auch deswegen kein Problem, weil es als sehr sicheres Reiseland gilt. So lief ich los, ließ vorerst „Fanar“ links liegen und bog in einen Traum aus Tausendundeiner Nacht ein.

Da war alles, was mich als Kind vor dem Fernseher so gefesselt hatte. Die flachen, lehmigen sandfarbenen Gebäude, die wogenden Meere aus bunten Stoffen, das viele Gold in den Auslagen, das zum Teil zu waghalsigen Schmuck verarbeitet wurde. Die Männer, die in weißen Gewändern umherliefen und mich als Kind glauben ließen, dass dies wohl die entspannteste Region der Welt sein müsste. Die Frauen, die ihre oft bezaubernde Garderobe unter schwarzen Überhängen verbargen und teilweise nur ihre Augen sehen ließen, die mich in den Bann schlugen, als wäre ich wieder ein Kind, das zum ersten Mal den tiefen, dunklen, schönen und stolzen Blick einer orientalischen Prinzessin im Märchenfilm sah. Ich fühlte mich augenblicklich, als würden endlich meine Bitten der kindlichen Fernsehnachmittage erhört, ich müsste auch riechen dürfen, wie es an einem solchen Ort zu duften hätte. Und ja, es roch nach allen Gewürzen dieser Welt und es betörte mich regelrecht, quasi in einem Berg aus Gewürzen zu stehen. Die vielen Stände und Geschäfte boten Buntes und Außergewöhnliches an. Viele Arbeiten aus Holz, Kupfer und Bronze. Säbel, Krummdolche, Helme, Masken, Wasserpfeifen. Was hätte ich vor einigen Jahrzehnten darum gegeben, hier sein zu dürfen und zu erleben, dass es das wirklich alles gibt.

Ich schlich durch die engen Gassen des Marktes und kam zu immer neuen märchenhaften Geschäften und Plätzen. An einem Platz hatten sich viele Vogelhändler angesammelt und aus unzähligen kleinen und großen Käfigen erklang ein tausendfacher Chor aus Gezwitscher, der von den buntesten Vögeln dieser Welt kam. Alte Männer mit roten Westen schoben Karren durch die Gassen und warteten darauf, dass die Gäste und Kunden Waren kauften, die sie ihnen nun mit den Karren aus den Labyrinth dieses verwunschenen Orten transportieren dürfen.   Und als ob das nicht schon ohnehin zu viel für ein Kindergemüt wäre, stand ich plötzlich vor Geschäften, die mehr Süßigkeiten anboten als ich über meine ganze Kindheit hätte essen können. Nicht steril im Supermarktregal gelagert sondern zu Pyramiden und Türmen aufgebaut, kunstvoll in knallbuntes Papier verpackt oder nackt und frisch in Tonnen, Gläsern und auf Tischen. Ich gebe es zu, ich rang nach Atem. Und als ich an einem Ende des Souk wieder in die heutige Zivilisation trat, standen da Musiker und spielten auf wunderbar fremden Instrumenten Musiken, wie ich sie zwar noch nicht gehört hatte, aber Sindbad und der kleine Muck bestimmt täglich hörten.

Ich versuchte, nicht au diesem Traum zu erwachen. Ich versuche, nicht sofort wieder der Erwachsene zu werden, der ich schon so lange bin. Ich versuchte zu vergessen, welche Länder ich alle schon besucht hatte und nicht daran zu denken, was ich auch einfach über Katar, Doha und diesen Ort wusste. Dieser Souk heißt „Souq Waqif“ und er wurde erst vor wenigen Jahren komplett wieder neu aufgebaut, nachdem man ihn abreißen musste, weil vielleicht tatsächlich seit Sindbad schon zu viele Jahre vergangen waren. Man hat ihn ganz zauberhaft wieder aufgebaut, die Einheimischen beleben ihn allabendlich und man kann – nein, man sollte – ihn genießen.

Wenn ich Ihnen also einen kleinen Tipp geben darf: Vergessen Sie alles, was Sie wissen, machen Sie sich Ihr Erleben nicht durch Ihr gebildetes Gehirn kaputt. Kommen Sie her und lassen Sie sich von Herz und Seele führen. Ganz so, als wären Sie wieder der kleine Hosenscheißer vor dem Fernseher, der träumt, einmal diese aufregende, ferne, exotische Welt sehen zu dürfen. Denn wäre es nicht schade, wenn Sie es nun endlich dürften und hier wären – und diese Welt dennoch nicht sehen würden?

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