Tallinn war mal UdSSR?

… Kann man nicht glauben. Und hier in Tallin will das auch keiner mehr wahrhaben. Nach Moskau und St. Petersburg habe ich den Bus bestiegen und mich also angeschickt, die Sowjet… äh eben nur Russland, Richtung Estland zu verlassen. So sehr ich von Moskau und vor allem St. Petersburg geschwärmt habe, muss man doch der Genauigkeit (für die ich zu recht unberühmt bin) wegen feststellen, dass es rund um St. Petersburg nicht mehr ganz so schön ist. Den Gipfel des Unschönen hat man dann gefunden, wenn man kurz hinter der Grenze Narva erreicht hat. Guck an, der Este benennt sogar Städte nach Glühbirnen. Wie auch immer. Narva sieht aus, als hätte man alles im Sozialismus Abgetragene hergebracht, um es zweitzunutzen. Ein restkommunistischer Secondhandalptraum. Nörgler in den neuen Ländern deutscher Natur sollten hier hin versetzt werden, um sich zu erinnern. Nach gut sechs Stunden schöner und interessanter Busfahrt erreicht man dann also Tallinn. Man hat hier mal Russisch gesprochen. Und so froh ich war, dass mir einiges an Schul-Würg-Russisch wieder hochgekommen ist, hier konnte ich das gleich wieder vergessen. Estnisch klingt schwer nach Finnisch und für mich somit unverständlich. Die Jugend spricht kein Russisch mehr, dafür aber Englisch und gern auch mal Deutsch. Die historische und so süüüüüüße Stadt selbst sieht aus wie Meißen in Sachsen. Und sie klingt mit ihrem Möwengeschrei nach Warnemünde. Ich bin also zuhause. Ja, es gibt auch eine moderne Stadt, die kann man aber getrost links liegen lassen. Da der Tourismus Einnahmequelle Nummer eins ist, werden sämtliche Restaurantmitarbeiter genötigt, historische Kostüme zu tragen und ein darauf gründender Volksaufstand kann nicht mehr lange auf sich warten lassen. Sollte man also Tallinn besuchen? Ja, oder gleich Finnland. Macht Tallinn Spaß? Ja, aber höchstens zwei Tage. Und wie russisch ist Tallinn nun? Na ja, sie wollten es eben nie sein.

PS-Tipp für Estland: Wenn Ihr mal sparen müsst, um den Euro zu bekommen oder danach nicht den griechischen Weg zu gehen, streicht alle Doppelbuchstaben, wie bei „Mööbel“, „Aasia“, „Menüü“ und „Baar“. Das bringt hunderte von Tonnen Leuchtschriftkästenaltmetall und einen Finnischen Meerbusen voller ungenutzter Farbe.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.